Geschichte der Jusos

Eine Geschichte über Jungsozialistinnen und Jungsozialisten

Wir Jungsozialistinnen und Jungsozialisten (Jusos) in der SPD haben eine lange Geschichte und stehen in der politischen Tradition der Arbeiterbewegung und ihres Kampfes für Freiheit, Gleichheit und Solidarität.
Die Geschichte der Bewegung, der wir entstammen – der sozialistischen Jugendbewegung – geht bereits auf den Anfang des vergangenen Jahrhunderts zurück.

Die Anfänge der sozialistischen Jugendbewegung und der Jusos

Eigentlich beginnt unsere Geschichte als Jusos noch früher, denn als Mitte des 19. Jahrhunderts Arbeiterinnen und Arbeiter national und international beschlossen, sich zu organisieren, um für eine Verbesserung ihrer sozialen Lage in einer kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu kämpfen, waren auch Jugendliche dabei. Allerdings, während die Älteren (und Anfangs auch nur die Männer), eingenommen von der Idee des Sozialismus, sich in der Sozialdemo-kratischen Partei zusammenschlossen, verhinderten Gesetze und Polizeistaat zunächst die Gründung sozialistischer und sozialdemokratischer Jugendorganisationen. In der Zeit des Sozialistengesetzes Bismarcks von 1878 bis 1890 war die SPD ganz verboten.

Die Lawine kam erst später richtig in Gang. 1904 wurden in Berlin und Mannheim, erste Arbeiterjugend- und Lehrlingsvereine gegründet. Überall schlossen sich daraufhin jugendliche Arbeiterinnen und Arbeiter in eigenen Gruppen und Vereinen zusammen: die sozialistische Jugendbewegung war geboren.

Gründung der Sozialistischen Jugendinternationalen und antimilitaristischer Kampf

Bereits im Jahr 1907 kam es in Stuttgart mit der Gründung der Sozialistischen Jugendinternationalen, zum internationalen Zusammenschluss junger SozialistInnen. Zu den deutschen Mitbegründern gehörte u.a. Karl Liebknecht, der das deutsche Büro leitete.

In erster Linie widmete sich die Jugendorganisation im Geiste der Internationalen Solidarität dem Kampf gegen Nationalismus, Chauvinismus, Militarismus und den drohenden Weltkrieg. Leider konnten auch die JungsozialistInnen, unterstützt von sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien weltweit, den Krieg nicht verhindern. Unter dem Druck der Kriegstreiber stehend und unter dem Vorwurf der „vaterlandslosen Gesellen“, stimmte 1914 gar die SPD-Fraktion im Reichstag den Kriegskrediten zu. Dies führte zu einer Distanzierung junger, auf dem Boden des Marxismus stehender SozialistInnen wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.

Die sozialistische Jugend in der Weimarer Republik

Die Anfangsphase der jungen Demokratie bis 1922 war von einem starken jugendbewegten Impuls gekennzeichnet. Ein Höhepunkt für die jungsozialistische Bewegung war der „Jugendtag von Weimar“ im Jahr 1920. Der Sozialismus wurde dort begeistert als ethische Kulturbewegung gefeiert.

Infolge der Wirtschaftskrisen in den 20er Jahren lag die trügerische Hoffnung vieler junger SozialistInnen darin, dass die schlechte soziale Lage weiter Teile der Bevölkerung mit Hilfe einer starken ArbeiterInnenbewegung überwunden werden könne.

Die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) war vor allem ein Jugendverband mit sozialistischem Hintergrund, der Zeltlager und gemeinsame Aktionen organisierte und sich in seiner Zusammensetzung vorwiegend aus der Arbeiterklasse rekrutierte. Damit ist er nicht so sehr mit den heutigen Jusos vergleichbar.

Bei den Gruppentreffen spielte die Bildungsarbeit eine wichtige Rolle. Diese bezog sich neben politischen Themen auch auf Themen wie Sexualaufklärung, denn über so „etwas“ wurde in jener Zeit in Proletarierhaushalten genauso wenig gesprochen wie in bürgerlichen Familien.

Zum Ende der Weimarer Republik wurde die SAJ in antifaschistische und demokratische Schutzbündnisse wie „Reichsbanner“ und „Eiserne Front“ eingebunden.

Das Verhältnis zur Mutterpartei SPD war nicht immer problemlos. Zwar waren Führer der SAJ, wie beispielsweise Erich Ollenhauer (in den 50er Jahren SPD-Parteivorsitzender und Nachfolger von Kurt Schumacher) und Max Westphal bemüht, den Verband als „sozialistischen Erziehungsverbandes“ zu organisieren, der sich zu tages- und grundsatzpolitischen Fragen der Sozialdemokratie nicht eigenständig äußern sollte, doch rebellierten gegen Ende der Weimarer Republik Teile der JungsozialistInnen gegen dieses bevormundende Verständnis der Mutterpartei.

Ein Anlass, der diese Aufmüpfigkeit provozierte war u.a. die Zustimmung der Partei zum Bau von Panzerkreuzern nach den Reichtagswahlen 1928. Daraus ging auch eine sozialistische Abspaltung von der SPD hervor, die „Sozialistische Arbeiterpartei“ (SAP). Die SAP gründete den Sozialistischen Jugendverband, dem einige linke SAJ’ler als Aktivisten beitraten, u.a. der frühere sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt.

Nach dem Faschismus wurde die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) in dieser Form nicht wieder gegründet. Einen Teil ihrer Aufgaben und bildungspolitischen Funktionen übernahmen die Falken und die Jusos.

Nicht verschwiegen werden darf, dass Mitte der 20er Jahre auch im Jugendverband Richtungsauseinandersetzungen zwischen dem sog. Hofgeismarer Kreis, der nationalistische Töne anschlug, und der Mehrheitslinken, geführt wurden. Die Mehrheitslinke bei den Jungsozialisten setzte sich durch und forderte von der SPD, sie solle für den „bürgerlichen Klassenstaat“ keine politische Verantwortung übernehmen, wenn dieser den Interessen der internationalen Arbeiterschaft widerspreche. Die SPD antwortete auf diesen Linksruck mit Sanktionen und politischem Druck. Im Jahr 1931 wurden die Jungsozialisten gar aufgelöst.

Aus ihren Reihen gingen viele, ebenso wie Sozialdemokraten und Kommunisten auch, in den Widerstand gegen die Nazis, die bekanntlich 1933 die Demokratie zerstörten und eine 12jährige Terrorherrschaft begründeten.

Kinderfreunde und Naturfreundejugend

Bereits vor dem Krieg waren in Österreich die Kinderfreunde als sozialistische Kinderorganisation entstanden. Auch in Deutschland kamen in den 20er Jahren Bestrebungen auf, eine entsprechende Organisation zu gründen. Ziel dabei war es, die Erziehung nicht ausschließlich dem „bürgerlich-kapitalistischen und obrigkeitsstaatlichen Klassengegner“ zu überlassen, die Erziehung der Kinder mit proletarischer Herkunft zu selbst- und klassenbewussten Menschen zu machen und bildungspolitische Benachteiligungen aufgrund der Klasselage abzubauen.

Im Jahr 1923 entstanden dann die Kinderfreunde als ein gemeinschaftliches Projekt der sozialistischen Jugend und der Gewerkschaftsjugend. Die Kinderfreunde wurden nach dem Faschismus unter dem Namen „Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken“ (SJD) wieder gegründet. Sie sind heute international verankert und wie die Jungsozialisten auch Mitglied in der Sozialistischen Jugendinternationalen (IUSY).

Wer glaubt, ökologisches Gedankengut und der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen wären in der Arbeiterbewegung nicht verankert, der irrt gewaltig. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstand der sozialistisch motivierte „Tourismusverein Naturfreunde“, der versuchte Natur zu erleben und politische Kämpfe der Arbeiterschaft miteinander zu verbinden.

In den 20er Jahren entstanden an vielen Orten Jugendgruppen der Naturfreunde. Die Naturfreundejugend verfolgte ursprünglich ebenfalls einen fast ausschließlich erzieherischen Anspruch.


Jungsozialisten im Widerstand gegen die Nazis

Wie auch die Mutterpartei, so wurden unter den Nazis natürlich alle Zusammenhänge sozialistischer, gewerkschaftlicher und kommunistischer Jugendarbeit verboten und gleichgeschaltet.

Viele Sozialdemokraten und Kommunisten gingen in den Widerstand oder emigrierten ins Ausland. Unter der Gewaltherrschaft der Nazis fanden nicht wenige den Tod in Konzentrationslagern und Gestapogefängnissen.

Die Gründung der „Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten in der SPD“ als brave Parteijugend

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde im Jahr 1946 die bis zum Ende der braunen Barbarei im Exil und in der „Illegalität“ aktive SPD unter dem ersten Parteivorsitzenden Kurt Schumacher in Deutschland wieder gegründet. Mit der Parteineugründung richtete die Partei auch gleichzeitig die Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten ein. Der Organisationsstatus der Arbeitsgemeinschaft verfolgte nach Vorstellung der sozialdemokratischen Parteiführung das Ziel, die Jugend enger an die Sozialdemokratie zu binden und aus den Erfahrungen der Weimarer Republik ein Ausbrechen der Jusos nach links zu verhindern. Diese Rechnung ging zunächst auf, waren die Jungsozialisten der Nachkriegszeit bis Mitte der 60er Jahre doch eher eine lammfromme Nachwuchsorganisation der SPD, die zentral von der Parteiführung gelenkt, nur nachbetete, was die Partei vorgab und sich lediglich als Plakatklebetruppe hervortat.

Anfänge der Politisierung und die Juso-Linkswende 1969

Das Bild der Jusos als brave Parteijugend, als Plakatklebetruppe der SPD sozusagen, veränderte sich Mitte der 60er Jahre deutlich. Es setzte eine Radikalisierung, Linksentwicklung und Emanzipation des Verbandes von der Mutterpartei ein. Marxistische Ideen und der Marxismus als Instrument zur Analyse ökonomisch-sozialer Verhältnisse griffen zunehmend um sich.

Das gesellschaftspolitische Umfeld dieser Zeit förderte diesen politischen Prozess in unserem Verband, in dessen Folge auch marxistische Kapitalismuskritik- und Analyse eine Renaissance erlebten, maßgeblich. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang beispielsweise die Bildung der Großen Koalition 1966, der Vietnam- Krieg, die Notstandsgesetzgebung, die nicht aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit und die linke Gesellschaftskritik übende und mehrheitlich von Studierenden getragene außerparlamentarische Opposition (APO).

1969, die meisten Juso-Bezirke vertraten inzwischen klare linke Positionen, fand der legendäre Juso-Bundeskongress in München statt. Dort wurde von den Kongress-Delegierten heftige Kritik an dem gegenüber der Mutterpartei verfolgten Anpassungskurs des mehrheitlich von „jungsozialistischen Parteisoldaten“ dominierten Juso-Bundesvorstandes geübt.

Der amtierende und parteikonforme Juso-Bundesvorsitzende Corterier wurde abgewählt. Zum neuen Bundesvorsitzenden wählte der Kongress den marxistisch ausgerichteten Karsten Voigt. In der Juso-Geschichte gilt der Münchner Kongress als einer, der die sich bereits abzeichnende Linkswende der Jungsozialisten vollzog. In den Folgejahren kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Mutterpartei und deren aus Sicht der Jusos zu „kapitalfreundlichen“ Politik.

Die Jusos und die organisierte SPD-Parteilinke waren es immer wieder, die in der Folge der Linkswende 1969 auf der Basis einer umfassenden Kapitalismusanalyse von der SPD eine konsequent antikapitalistische Politik einforderten. Diese Politik sollte sich an den Grundsätzen des Demokratischen Sozialismus orientieren und Schritte aufzeigen, wie die Macht der Konzerne und Banken zurückgedrängt und die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung überwunden werden kann.

Der Weg dort hin, sowie die Strategie und politische Praxis, war jedoch auch innerhalb der Jusos umstritten, was sich in der Herausbildung Juso-Strömungen manifestierte.

Weitgehende Übereinstimmungen bezüglich der Strategie bestanden in der Frage der gleichzeitigen Mitwirkung von Jusos in sozialen Bewegungen und in der Partei. Dieses politische Handeln lässt sich auch unter dem Begriff der sog. „Doppelstrategie“ zusammenfassen.

Die Herausbildung der Juso-Strömungen in den 70er Jahren

Als Folge der Juso-Linkswende 1969 kam es innerhalb der Jungsozialisten, die u.a. ausgehend von der außerparlamentarischen und mehrheitlich studentischen Opposition Anfang der 70er Jahre einen enormen Mitgliederzuwachs verzeichnen konnten, zu kontroversen, theoretischen und grundsatzpolitisch geprägten Auseinandersetzungen zwischen den sich herausbildenden Strömungen. Sehr früh nach der Linkswende wurde deutlich, dass es innerhalb der Jusos ein ganz unterschiedliches Verständnis davon gab, wie sich der Jugendverband als linke Kraft innerhalb der SPD strategisch ausrichten soll und welches Staatsverständnis jungsozialistischer Politik zugrunde liegen soll. Einigendes Band war allerdings immer der linke und sozialistische Richtungsverband.

Die Fraktionen, die sich Anfang der 70er Jahre herausbildeten, waren die Reformsozialisten, der Hannoveraner Kreis (Stamokap) und die Antirevisionisten (dazu zählte übrigens der uns allen bekannte Gerhard Schröder).

Deren politische Ausrichtung ist nachfolgend kurz dargelegt:

Reformsozialisten

Die Reformsozialisten, auch „undogmatische“ Jusos genannt, die bis Ende der 70er Jahre eine Mehrheit im Juso-Verband stellten, standen für eine Politik der sog. systemüberwindenden Reformen. Das heißt, sie wollten schrittweise die kapitalistische Wirtschaftsweise auf reformistischen Wege überwinden.

Stamokap (Staatsmonopolistischer Kapitalismus)

Der marxistische Stamokapflügel der Jusos kritisierte den reformistischen Ansatz. Ihm ging es darum, grundsätzlich mit der Logik des Kapitalismus zu brechen. Im Staat, der von den Stamokap-Jusos als nicht neutral angesehen wurde, sahen sie in erster Linie ein Instrument zur Durchsetzung kapitalistischer Interessen (Staat als ideeller Gesamtkapitalist und Büttel des Kapitals). Ziel war die völlige Überwindung der Kapitalmacht durch die Änderung der Eigentumsverhältnisse, wobei in der Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und in der Überführung der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum eine wichtige Voraussetzung zur Erreichung dieses Ziels gesehen wurde.

Antirevisionisten

Die Antirevisionisten befanden sich ebenfalls in Opposition zu den Reformsozialisten, aber auch in Teilbereichen zu den Stamokaps. Sie setzten auf die Bedeutung von Basisbewegungen und gesellschaftlicher, vor allem gewerkschaftlicher Gegenmacht. Gegenüber der Stamokap-Theorie, die im Staat ein Werkzeug der Konzerne sah, schrieben die Antirevisionisten ihm eher eine eigenständigere Rolle zu.

Die Jusos der 80er

In den 80er Jahren trat mit den Grünen eine neue politische Kraft auf die politische Bühne in der Bundesrepublik Deutschland, die auch auf die Jusos und die SPD-Parteilinke beeinflussend wirkte. Themen wie die Atomenergie und die Nachrüstung (Nato – Doppelbeschluss) standen nun auf der Agenda und nicht wenige Jusos, die mit dem Kurs von Bundeskanzler Helmut Schmidt nicht einverstanden waren, fanden den Weg zu den Grünen. Selbstverständlich arbeiteten zahlreiche Jungsozialisten gemeinsam mit anderen Sozialdemokraten aktiv in der Friedensbewegung mit. Dies galt nicht zuletzt auch für die Anti-AKW -Bewegung.

Nach dem starken Zulauf zu den Jusos kurz vor und nach dem Wahlsieg von Willy Brandt 1972 kam es nun zu einem starken Mitgliederverlust. Erst 1983/84, nach dem die Sozialdemokratie die Regierung an CDU/CSU und FDP abgeben musste, stabilisierte sich die Lage. Dieser Verlust der Regierungsmehrheit führte unter maßgeblichem Einfluss der Jungsozialisten dazu, dass friedens- und umweltpolitische Themen und die Formulierung von Wachstumskritik die programmatische Ausrichtung der Mutterpartei veränderte.

Die Flügelauseinandersetzungen bestanden in den 80er Jahren fort. Sie wurden getragen von den Reformsozialisten und der Juso-Linken.

Die Vereinigung der Jusos – Ost und der Jusos – West

1990 kam es in der Folge des Mauerfalls zum Zusammenschluss der Sozialdemokratischen Parteien, der neu gegründeten SDP in der DDR und der SPD im Westen der Republik. Der Vereinigungskongress der Jusos – Ost, die sich zunächst Junge Sozialdemokraten nannten, und der Jusos – West, fand 1991 in Potsdam statt. Unterschiedliche Erfahrungen, die es bei allen Schwierigkeiten zusammenzuführen galt, flossen somit in den Verband ein. Waren die Jungsozialisten im Westen durch die Identität eines linken Richtungsverbandes geprägt, der sich vielfach als innerparteiliche Opposition sah und sieht, kamen die jungen Genossen des Ostens aus kirchlichen Gruppen und der Bürgerbewegung gegen den SED-Staat.

Auf dem Juso-Vereinigungsbundeskongress wurde ein neues Grundsatzprogramm der Jungsozialisten beschlossen, das nicht zuletzt auch die Erfahrungen und politische Sozialisation der Ost-Jusos einbezog.

Die Jusos der 90er Jahre

Der Zusammenbruch des sog. „realexistierenden Sozialismus“ blieb nicht ohne Folgen für die gesamte Linke und die Jusos als Teil der sozialdemokratischen Linken. Sie geriet in die Defensive, was an einem deutlichen Rechtsruck in der Gesellschaft sichtbar wurde. Auch die SPD war nicht frei von dieser gesellschaftlichen Rechtsverschiebung. So stimmte die Parteiführung 1993 dem sog. Asylkompromiss mit CDU/CSU und FDP zu, was zu heftigem Widerstand in der Gesellschaft, aber auch bei den Jusos führte. Hier hatten die Jungsozialisten strömungsübergreifend ein identitätsstiftendes Thema, was zu einer breiten Mobilisierung der Mitgliedschaft führte.

Neben der Asylpolitik gab es auch heftige Auseinandersetzungen um internationale Einsätze der Bundeswehr außerhalb des NATO-Gebiets. Dabei verfolgten die Jungsozialisten in ihrer großen Mehrheit einen Kurs gegen die Militarisierung deutscher Außenpolitik.

Inhaltlich setzten die Jusos weitere Akzente im Bereich der Solarenergie. So wurde Mitte der 90er Jahre eine Solarkampagne auf den Weg gebracht, bei der auch internationalistische Aspekte einbezogen wurden.

Besonders breite öffentliche Ausstrahlung hatte die Juso-Kampagne für die Einführung einer umlagefinanzierten Ausbildungsplatzabgabe für nicht ausbildende Betriebe. Es gelang darüber hinaus unter der 1995 in Bonn- Bad Godesberg gewählten und aus Rheinland-Pfalz stammenden Juso- Bundesvorsitzenden Andrea Nahles die Jusos wieder stärker in der politischen Öffentlichkeit zu verankern und Juso-Standpunkte in Partei und Gesellschaft zu tragen.

Mit dem sozialdemokratischen Wahlsieg 1998 kamen neue Aufgaben auf die Jusos, die nun auch Regierungsjugend waren, zu. Die Übernahme dieser Rolle ist nicht immer leicht. Zwischenzeitlich sind Jusos jedoch bestrebt, in dieser neuen Rolle zu agieren und fortschrittliche linke Positionen in die Mutterpartei hineinzutragen.

Jusos heute

Mehr als 35 Jahre sind seit der berühmten Juso-Linkswende 1969 vergangen. Die Jungsozialisten bekennen sich in ihrer Mehrheit auch weiterhin zur ihrer Tradition. Allerdings reicht es nicht aus, den linken Richtungsverband unhinterfragt als Monstranz vor sich herzutragen. Die Jusos haben in den letzten Jahren nicht nur gelernt, dass es einer Erneuerung des Juso-Verbandes bedarf. Die Erneuerung hat längst begonnen. Es gibt neue Antworten auf alte Fragen und neue Formen der Jugendansprache.

Die Zugänge vieler junger Leute und ihre politische Sozialisation sind verglichen mit den 70er und 80er Jahren anders geworden. Aus dieser Erkenntnis führen wir Jusos gegenwärtig eine Debatte um die künftige Strategie und politische Praxis jungsozialistischer Politik. Dabei bekennen wir uns zu dem anspruchvollen Dreiklang, Richtungsverband, SPD-Jugendorganisation und „Regierungsjugend“ zu sein. Das ist ein nicht immer einfacher Spagat. Jusos sind eben nicht die Kofferträger etablierter Parteifunktionäre, sondern verfolgen den Anspruch eigenständig ihre Positionen und Standpunkte in die SPD und in die Gesellschaft hineinzutragen.

Wir sind uns klar darüber, dass alte Rituale kontraproduktiv sind und den Verband nicht wirklich attraktiv für junge Leute machen. Deshalb wollen wir in Rheinland-Pfalz in den realen Lebenslagen von jungen Menschen verankert sein. Wir sind selbst Schüler, Studenten, Referendare, Angestellte, Selbstständige und Arbeiter. Daher kennen wir die meisten Sorgen und Probleme junger Menschen aus eigener Erfahrung und kämpfen dafür, diese Sorgen und Probleme aus der Welt zu schaffen. Dabei wollen wir ein eindeutiges Profil behalten, denn auch praktische Politik ist für uns Jusos nicht denkbar, wenn sie nur beliebig ist und sich nicht von den sozialdemokratischen Grundwerten Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit / Schwesterlichkeit leiten lässt.

Wir sind offen für alle jungen Leute, die mit uns gemeinsam die Idee der Sozialdemokratie und des Demokratischen Sozialismus weiter tragen wollen.